Buch: Musliminnen im Mikrokosmos „Schule“ - Alltag der muslimischen Schülerinnen an österreichischen Berufsbildenden Höheren Schulen

Dr. Amira Sharawi lenkt den Blick auf eine Perspektive, die im schulischen Diskurs in Österreich oft nur am Rand auftaucht, obwohl sie für den Alltag vieler Jugendlicher entscheidend ist: die konkreten Erfahrungen, Wahrnehmungen und Deutungen muslimischer Schülerinnen im österreichischen Bildungssystem. Statt über sie zu sprechen, lässt sie sie selbst zu Wort kommen und macht damit sichtbar, wie Schule nicht nur ein Lernort, sondern auch ein sozialer Raum ist, in dem Zugehörigkeit ausgehandelt wird. Im Mittelpunkt stehen die Stimmen junger Frauen, die ihre schulische Realität im Spannungsfeld von Dazugehören und Anderssein, Anpassung und Eigenständigkeit, Selbstbestimmung und Abgrenzung beschreiben - etwa wenn sie berichten, wann sie sich selbstverständlich als Teil der Klasse fühlen und wann sie das Gefühl haben, sich erklären oder besonders beweisen zu müssen. Qualitative Interviews geben diesen Erzählungen Tiefe und Kontext und zeigen anschaulich, wie Klassengemeinschaften entstehen oder warum sie manchmal ausbleiben, etwa wenn es wenig Kontakt außerhalb des Unterrichts gibt oder unausgesprochene Stereotype den Umgang prägen. Die Gespräche machen deutlich, wie Beziehungen zu Mitschülerinnen und Mitschülern sowie zu Lehrpersonen gestaltet werden: vom unkomplizierten Freundeskreis bis hin zu Situationen, in denen Schülerinnen sich im Unterricht, bei Diskussionen über „Kultur“ oder bei schulischen Ritualen (wie Ausflügen oder Sportwochen) sich in eine besondere Rolle gedrängt fühlen können. Dabei wird greifbar, welche Bedeutung Religion, Kultur, persönliche Erfahrungen und vor allem Kommunikation haben - beispielsweise, wie viel ein interessiertes Nachfragen ohne Vorannahmen bewirken kann oder wie verletzend pauschale Aussagen erlebt werden. Ein besonderes Augenmerk liegt auf sensiblen Themen wie Diskriminierung und Vorurteilen, Identitätsbildung sowie der Kopftuchthematik, die hier nicht verkürzt, sondern als religiöses, soziales und gesellschaftliches Symbol in seiner Vielschichtigkeit betrachtet wird. Das Buch zeigt, wie unterschiedlich Situationen wahrgenommen werden können. Gleichzeitig wird deutlich, dass Identität und Integration nicht statisch sind, sondern sich im Verlauf der Schulzeit verändern. Gerade beim Thema Kopftuch wird sichtbar, wie sehr sich private Entscheidungen mit öffentlichen Debatten überschneiden. Das Werk macht klar, dass muslimische Schülerinnen keineswegs eine homogene Gruppe sind, sondern ganz unterschiedliche Lebensrealitäten, Werte und Prioritäten mitbringen. Es zeigt eine große Bandbreite religiöser Deutungen, individueller Strategien und persönlicher Haltungen: von stark religiös geprägten Alltagspraktiken bis zu einer eher kulturellen oder kaum präsenten Religiosität. Während einige Religion als verbindendes Element erleben - etwa durch Gemeinschaft, moralische Orientierung oder das Gefühl, Halt zu finden - spielt sie für andere im Schulalltag kaum eine handlungsleitende Rolle, weil andere Themen wie Leistung, Freundschaften oder Zukunftsplanung im Vordergrund stehen. Entscheidungen, etwa zur Schulwahl (z. B. aus Interesse an bestimmten Ausbildungswegen oder wegen des Schulklimas), zur Religionspraxis (wie Fasten im Ramadan oder Gebet) oder zum sozialen Umfeld (Freundeskreis, Vereinsleben, Freizeitgestaltung), werden dabei stets im Zusammenspiel persönlicher Überzeugungen, familiärer Einflüsse und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen getroffen. Gerade diese Vielstimmigkeit macht das Buch so wertvoll: Es lädt dazu ein, genauer hinzuhören, Unterschiede auszuhalten und Schule als Ort zu verstehen, an dem Anerkennung, Respekt und gleiche Chancen nicht nur gefordert, sondern im Alltag aktiv gestaltet werden müssen.

Buchvorstellung unter: Musliminnen im Mikrokosmos „Schule“ (14830)

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