
Der Begriff des Tötens (arabisch qatl) wird im Quran meist im Hinblick auf die Ermordung verstanden. Dieser Artikel legt dar, dass der Begriff nicht mit "Ermorden" gleichzusetzen ist und nicht ausschließlich im Sinne der physischen Tötung verstanden werden soll, sondern auf eine weiter gefasste semantische Dimension aufweist. In einer abstrakten Grunddefinition bezeichnet der arabische Begriff qatl den Versuch, einen Zustand in einen anderen, ihm entgegengesetzten Zustand zu überführen. Das Töten ist demnach zunächst ein Prozess der Zustandsveränderung und nicht notwendig mit dem Tod im biologischen Sinne identisch.
Im Quran erscheint qatl in zwei grundlegend unterschiedlichen Konstellationen. Die erste betrifft jene Form des Tötens, die tatsächlich mit dem Tod einhergeht und ausdrücklich verboten ist, sofern sie nicht „mit Recht“ erfolgt, wie es in der quranischen Formulierung heißt: „Und tötet nicht die Seele, die Gott für unverletzlich erklärt hat, außer mit Recht.“ (al-Anaam 6:151)
In diesem Fall liegt während des Versuchs der Zustandsveränderung zusätzlich eine Eskalation von Gewalt, Einschüchterung und äußerem Zwang vor, die letztlich zum physischen Tod führt. Entscheidend ist dabei, dass nicht der abstrakte Akt des qatl selbst den Tod verursacht, sondern die ihn begleitenden Faktoren von Brutalität und Zwang.
Diese Unterscheidung wird durch quranische Sprachverwendungen gestützt, in denen qatl offensichtlich nicht im wörtlichen Sinn des Tötens zu verstehen ist. So etwa in der Wendung „Gott bekämpfe sie, wie sie sich doch abwenden“ (Sure at-Tawba 9:30).
Offenkundig ist hier kein physisches Töten gemeint, sondern eine konfrontative Auseinandersetzung durch Argumentation, Beweisführung und Offenbarung, mit dem Ziel, einen bestehenden Zustand zu verändern. Dass diese Auseinandersetzung scheitert, wird im Quran dadurch erklärt, dass die Betroffenen den Unglauben dem Glauben vorziehen.
Die zweite Form des qatl beschreibt also einen Vorgang, bei dem die Seele endgültig aus einem Zustand der Unwissenheit, Ungerechtigkeit und moralischen Verderbtheit in einen neuen, geläuterten Zustand überführt wird, ohne dass dabei physisches Leben vernichtet wird. Diese Bedeutungsebene wird besonders deutlich in der quranischen Erzählung über Moses und sein Volk:
„Und als Moses zu seinem Volk sagte: O mein Volk, ihr habt euch selbst Unrecht getan, indem ihr das Kalb angenommen habt. So kehrt reuevoll zu eurem Schöpfer zurück und tötet euch selbst; das ist besser für euch bei eurem Schöpfer. Da nahm Er eure Reue an.“ (al-Baqara 2:54)
Der Text legt eine klare Abfolge nahe: Zunächst erfolgt die Reue, sodann das „Töten“ der sündhaften Seele als Konsequenz dieser Reue. Gemeint ist hier nicht die Selbsttötung im physischen Sinn, sondern die vollständige Abkehr von einem verdorbenen inneren Zustand.
Diese Lesart wird durch weitere quranische Passagen bestätigt. So heißt es im Zusammenhang mit dem Bund der Kinder Israels:„Dann aber seid ihr es, die euch selbst töten und einen Teil von euch aus ihren Wohnstätten vertreiben…“ (al-Baqara 2:84–85)
Die Formulierung „ihr tötet euch selbst“ ist hier nicht als kollektiver Suizid zu verstehen - wie die überwiegende Mehrheit der muslimischen Gelehrten meint -, sondern als bewusste Rückkehr in einen Zustand moralischer Verderbtheit, nachdem zuvor durch den Bund ein Übergang in einen gereinigten Zustand vollzogen worden war. Das „Töten der eigenen Seele“ bezeichnet in diesem Kontext die erneute Wahl eines destruktiven Zustands.
Eine weitere Bestätigung findet sich in folgenden Vers:„Und wenn Wir ihnen vorgeschrieben hätten: Tötet euch selbst oder verlasst eure Wohnstätten –, sie hätten es nur wenige von ihnen getan. Hätten sie jedoch getan, wozu sie ermahnt wurden, wäre es besser für sie gewesen und hätte ihnen größere Festigkeit verliehen. Dann hätten Wir ihnen von Uns aus einem großartigen Lohn gegeben und sie auf einen geraden Weg geleitet.“ (an-Nisaʾ 4:66–68)
Auffällig ist hier, dass das „Töten der eigenen Seele“ zu eindeutig positiven Konsequenzen führt: göttliche Belohnung, innere Festigung und Rechtleitung. Diese Resultate beziehen sich offenkundig auf das irdische Leben vor dem Tod, was die metaphorisch-ethische Bedeutung des qatl bestätigt. Das Gebot „tötet euch selbst“ ist demnach als Aufforderung zu verstehen, die eigene Existenz radikal aus einem Zustand des Ungehorsams in einen Zustand aufrichtiger und unwiderruflicher Hingabe zu überführen.
Vor diesem Hintergrund ist auch die sogenannte „Schwertvers“-Passage neu zu lesen:„Wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet … Wenn sie jedoch bereuen, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, dann lasst sie ihres Weges ziehen.“ (Sure at-Tawba 9:5)
Würde sich qatl hier ausschließlich auf die physische Tötung beziehen, entstünde ein innerer Widerspruch: Wie könnten Reue, Gebet und Abgabe von Menschen verlangt werden, die bereits getötet wurden? Die anschließende Aufforderung, ihnen den Weg freizugeben, setzt ihre fortbestehende Existenz voraus. Die kohärente Deutung dieser Passage besteht daher darin, qatl (ebenso laut der linguistischen Definition des islamischen Denkers Samer Islamboli) als Herauslösung der betreffenden Personen aus einem Zustand des Vertragsbruchs und der Aggression zu verstehen und ihre Überführung in einen Zustand der Einschränkung, Kontrolle und Unterordnung („während sie gedemütigt sind“). Der Vorgang beschreibt demnach keinen Akt physischer Vernichtung, sondern eine rechtlich-soziale und moralische Zustandsveränderung.
Die kontextuelle Analyse des Begriffs qatl zeigt hier, dass er primär nicht die physische Tötung bezeichnet, sondern die Ausschaltung, Unterdrückung oder Zerstörung einer Botschaft, Wirkung oder sozialer Funktion. Dies gilt insbesondere für Aussagen über Propheten und religiöse Autorität. So heißt es etwa, dass „die Leute der Schrift Propheten töten“ (aal-ʿImran 3:112). Diese Aussage bezieht sich ausdrücklich nicht ausschließlich auf Juden - wie die traditionellen Gelehrten meinen-, sondern auf verschiedene Gemeinschaften, die von Gott eine Heilige Schrift erhielten. Zugleich betont der Quran an anderer Stelle implizit und explizit, dass kein von Gott erwählter Prophet als Person tatsächlich von Menschen getötet werden kann oder jemals konnte. Die göttliche Erwählung schließt eine solche Möglichkeit aus. Daraus folgt, dass das „Töten der Propheten“ nicht im biologischen Sinn zu verstehen ist, sondern als die gezielte Vernichtung ihrer Botschaft, ihrer Autorität oder ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit.
Im Quran finden sich zahlreiche Passagen, die – direkt oder indirekt – deutlich machen, dass Propheten unter göttlichem Schutz stehen und nicht der willkürlichen Tötung durch Menschen ausgeliefert sind. Diese Texte werden in der islamwissenschaftlichen Forschung häufig herangezogen, um Aussagen wie „sie töteten die Propheten“ nicht biologisch, sondern funktional zu verstehen, also als Unterdrückung, Delegitimierung oder Ausschaltung der Sendung. Eine systematische Betrachtung zentraler Verse zeigt, dass der Quran ein konsistentes Schutzprinzip zugunsten der Gesandten entfaltet.
Explizit formuliert wird dieses Prinzip in Sure al-Maʾida 5:67, in dem Gott dem Gesandten a.s.a. zusichert: „Gott wird dich vor den Menschen schützen.“ Der verwendete Ausdruck (yaʿṣimuka mina n-nas) wird in klassischer wie moderner Exegese als Schutz vor Tötung, Ausschaltung und endgültiger Vernichtung verstanden, zumindest solange die Botschaft bzw. Sendung nicht vollendet ist. Damit wird die Unverfügbarkeit des Gesandten für menschliche Gewalt programmatisch festgeschrieben.
Dieses Motiv wird strukturell vertieft in Sure Yunus 10:47: „Für jede Gemeinschaft gibt es einen Gesandten. Wenn ihr Gesandter gekommen ist, wird zwischen ihnen in Gerechtigkeit entschieden.“ Die Sendung erscheint hier als göttlich abgesicherter Prozess. Der Gesandte erfüllt seine Aufgabe, bevor ein endgültiges Urteil ergeht, was impliziert, dass seine Mission nicht vorzeitig zerstört oder ausgelöscht werden kann.
Der aktive Beistand Gottes wird zudem allgemein formuliert in Sure al-Ḥajj 22:38: „Gewiss, Gott verteidigt diejenigen, die glauben.“ In der klassischen Auslegung bezieht sich dieser Schutz in erster Linie auf die Gesandten selbst, da sie die primären Träger, Verkünder und Verkörperungen des Glaubens sind.
Ebenso ist Sure Aal-ʿImran 3:144 in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Dort heißt es: „Muhammad ist nur ein Gesandter; vor ihm sind Gesandte dahingegangen. Wenn er stirbt oder getötet wird, werdet ihr dann auf euren Fersen umkehren?“ Der Vers unterscheidet bewusst zwischen natürlichem Tod und Tötung als hypothetischem Szenario, ohne letzteres narrativ zu bestätigen. Die Aussage ist argumentativ gemeint: Selbst wenn man einen solchen Fall annähme, hätte er keinen Einfluss auf die Gültigkeit der Botschaft. Gerade diese Argumentationsstruktur zeigt, dass hier kein historischer Bericht über die Tötung eines Propheten vorliegt.
Ein weiteres zentrales Motiv ist die göttliche Rettung der Gesandten vor Vernichtung. In Sure Ghafir 40:51 heißt es: „Gewiss, Wir helfen Unseren Gesandten und den Gläubigen – im diesseitigen Leben und am Tage, da die Zeugen auftreten.“ Die „Hilfe im diesseitigen Leben“ wird in der Exegese nicht nur spirituell, sondern konkret als Schutz vor Zerstörung oder Auslöschung der Botschaft bzw. Sendung verstanden.
Damit korrespondiert die grundsätzliche Aussage, dass Leben und Tod allein der göttlichen Verfügung unterliegen. Sure Aal-ʿImran 3:154 macht deutlich, dass Tod ausschließlich nach göttlicher Bestimmung eintritt und nicht durch menschliche Macht herbeigeführt werden kann – ein Gedanke, der erst recht auf die Gesandten Anwendung findet.
Besonders anschaulich wird dieses Schutzprinzip in den Erzählungen über Moses. So heißt es etwa: „Pharao sagte: Lasst mich Moses töten …“ (Ghafir 40:26). Der Quran benennt hier ausdrücklich die Tötungsabsicht, schildert jedoch keine erfolgreiche Umsetzung. Dieses Muster ist typisch: Tötungspläne, Bedrohungen und Verfolgung werden wiederholt erwähnt, eine tatsächlich vollzogene Tötung eines Propheten jedoch nicht.
Schließlich fasst Sure aṣ-Ṣaffat 37:171–173 das Gesagte in einem allgemeinen Prinzip zusammen: „Unser Wort ist bereits ergangen für Unsere gesandten Diener: Sie werden gewiss Hilfe erfahren, und Unser Heer wird siegen.“ Hier wird der göttliche Beistand nicht nur als Schutz, sondern als letztendlicher Sieg der prophetischen Mission formuliert.

In der Zusammenschau ergibt sich somit ein konsistentes quranisches Bild:
Propheten können angefeindet, bedroht und verfolgt werden, doch ihre Sendung steht unter göttlichem Schutz und kann nicht durch menschliche Gewalt endgültig ausgelöscht werden. Vor diesem Hintergrund sind Aussagen über das „Töten der Propheten“ nicht als biologische Tatsachenberichte zu lesen, sondern als funktionale Beschreibungen der Unterdrückung, Delegitimierung oder Zerstörung ihrer Botschaft und Wirksamkeit. Besonders deutlich wird dieses Prinzip am Beispiel Jesu.
Der Vers „Und weil sie sagten: ›Wir haben den Messias Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet‹ – doch sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen nur so … Vielmehr hat Gott ihn zu Sich erhoben“ (an-Nisaʾ 4:157–158) nimmt innerhalb des Qurans eine eindeutige und zugleich einzigartige Stellung ein. Die Behauptung der Gegner, Jesus getötet zu haben, wird ausdrücklich zurückgewiesen; sowohl die Tötung als auch die Kreuzigung werden klar negiert, und an ihre Stelle tritt ein Rettungs- und Erhebungsnarrativ, das göttlichen Schutz statt Martyrium betont.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung dieser Passage. Der Quran zeigt hier unmissverständlich, dass er Tötungsnarrative kennt, sie jedoch bewusst als falsch zurückweist und durch die Vorstellung göttlicher Bewahrung ersetzt. ʿIsa (Jesus) erscheint somit als ein zentrales und besonders klares Beispiel für das im Quran angelegte Prinzip, dass die Gesandten Gottes unter Seinem Schutz stehen. An ihm wird ausdrücklich formuliert, dass ein Prophet weder getötet noch gekreuzigt wurde, obwohl Menschen genau dies behaupteten. Damit liefert der Quran selbst den stärksten textlichen Beleg für das Prinzip des göttlichen Schutzes der Propheten und für eine nicht-biologische, funktional-semantische Lesart entsprechender Tötungsaussagen.
Diese besondere Stellung Jesu wird zusätzlich dadurch unterstrichen, dass er im Quran ausdrücklich als rasul Allah (Gesandter Gottes), kalimat Allah (Wort Gottes) und ruḥ minhu (Geist von Ihm) bezeichnet wird (An-Nisaa 4:171). Gerade bei einer derart hervorgehobenen Gestalt wäre eine tatsächliche Tötung innerhalb der quranischen Logik theologisch widersinnig. Der ausdrücklich betonte göttliche Schutz Jesu fungiert daher als paradigmatisches Beispiel und hermeneutischer Maßstab für das Verständnis des Schicksals aller Gesandten.
Aus dieser Perspektive ergibt sich eine zwingende Konsequenz für die Aussage „sie töteten die Propheten“ (z. B. Sure 2:61; 3:112; 5:70). Wenn der Quran bei Jesus ausdrücklich festhält, dass er nicht getötet wurde, bei Moses, Abraham, Muhammad und anderen Propheten lediglich von Tötungsabsichten, Verfolgung oder Bedrohung berichtet und zugleich mehrfach den göttlichen Schutz der Gesandten garantiert – etwa in Sure 5:67 –, dann kann diese Formulierung nicht als historische Beschreibung physischer Tötung verstanden werden. Vielmehr bezeichnet sie das „Töten“ der Sendung: die Zerstörung ihrer Wirksamkeit, die Unterdrückung, Leugnung oder institutionelle Ausschaltung der prophetischen Botschaft. In diesem Zusammenhang fungiert Jesus als entscheidender hermeneutischer Schlüssel, da der Quran in seinem Fall eine biologische Lesart ausdrücklich ausschließt und damit den funktional-semantischen Charakter solcher Aussagen selbst offenlegt.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Anhand der Jesus-Passage (An-Nisaa 4:157–158) formuliert der Quran ein grundlegendes Prinzip im Umgang mit prophetischer Sendung. Propheten können verfolgt, ihre Botschaft bekämpft und ihre Autorität delegitimiert werden, doch sie können nicht erfolgreich getötet werden, solange sie Träger der göttlichen Offenbarung sind. Aus quranischer Perspektive existiert keine einzige eindeutige Erzählung, in der ein Prophet als von Menschen tatsächlich und endgültig getötet dargestellt wird. Stattdessen spricht der Quran von Tötungsabsichten, Bedrohungen, Verfolgung sowie von der Ablehnung und dem „Töten“ der Botschaft. Auf diese Weise wird der Begriff qatl semantisch geöffnet, die göttliche Souveränität über Leben und Tod betont und zugleich die Universalität und Unantastbarkeit der Offenbarung geschützt.
Diese Lesart wird zusätzlich durch Sure al-Maʾida 5:70 gestützt: „Einen Teil erklärten sie für Lügner, einen Teil töteten sie.“ Die Parallelität von „Lügen bezichtigen“ und „Töten“ macht deutlich, dass es sich um zwei Formen der Zurückweisung handelt: verbal-ideologisch einerseits und praktisch-institutionell andererseits. Das „Töten“ richtet sich hier gegen die prophetische Mission, nicht gegen die physische Existenz des Propheten, und unterstreicht so den funktional-semantischen Charakter des qatl im Quran.
In mehreren anderen Passagen, unter anderem in der Sure ʿAbasa 80:17, weist der Ausdruck qutila (abgeleitet von qatl) ebenso auf eine funktionale, nicht-biologische Bedeutung hin. So ist etwa in der Wendung „qutila al-insan ma akfarah“ („Getötet sei der Mensch – wie undankbar er ist“) keine materielle Tötung gemeint, sondern eine Form der Herabsetzung, Züchtigung oder existenziellen Bedrängung, die den Menschen in seinem Hochmut entlarvt und moralisch „bricht“. Der Fokus liegt hier nicht auf dem Körper, sondern auf dem Zustand der nafs (Person, Selbst).
Dies wird auch durch andere Quranische Formulierungen bestätigt, in denen nicht von einem „Körper“, sondern von einer „Seele“ (nafs) gesprochen wird. Der Quran sagt etwa: „Ihr habt eine Seele getötet“ (qatalta nafsan), nicht: „ihr habt einen Körper getötet“. Damit wird deutlich, dass es um die Zerstörung oder Unterdrückung der personalen Integrität geht, nicht zwingend um den biologischen Tod.
Ein weiteres Beispiel findet sich in Sure al-Baqara 2:191: „Tötet sie, wo immer ihr sie antrefft, und vertreibt sie von dort, von wo sie euch vertrieben haben.“ Die logische Abfolge der beiden Verben macht deutlich, dass hier nicht die physische Tötung gemeint sein kann. Wer tatsächlich getötet ist, kann nicht mehr „vertrieben“ werden. Vielmehr beschreibt der Vers eine Situation massiver Gewalt, Unterdrückung und existenzieller Bedrohung, in der qatl die vollständige Ausschaltung der Handlungsfähigkeit bezeichnet – durch Bedrängung, Zwang, Entrechtung oder militärischen Druck –, während das „Vertreiben“ die soziale und territoriale Konsequenz dieser Auseinandersetzung ist.
Auch Sure an-Nisaʾ 4:84, die zur Ermutigung und Mobilisierung im Konfliktfall auffordert, verwendet die Sprache von qital im Sinne von Anstachelung zur Auseinandersetzung, nicht als unmittelbare Beschreibung physischer Gewalt. Entsprechend heißt es in Sure al-Ahzab 33:25–26, „Allah ersparte den Gläbigen den Kampf“. Die Passage beschreibt das Ende eines Konfliktzustands, ohne zwingend auf massives Blutvergießen zu verweisen, was die semantische Offenheit des Begriffs unterstreicht.
Die Aufforderung, „gegen diejenigen zu kämpfen, die nicht der Religion der Wahrheit folgen“ (Sure at-Tawba 9:29), lässt sich vor diesem Hintergrund funktional lesen. Qital bezeichnet hier das aktive Eintreten in eine regulierende Auseinandersetzung, ein „Sich-Einlassen“ auf den Konflikt durch soziale, politische oder rechtliche Maßnahmen, nicht zwingend durch physische Vernichtung. Der Begriff impliziert Interaktion und Konfrontation, nicht notwendigerweise Tötung.
Besonders deutlich wird die metaphorisch-funktionale Dimension von qatl in den Passagen über das „Töten der Kinder“. In Sure al-Anʿam 6:137 wird dieses Handeln als Verirrung und Verleumdung verurteilt. Der unmittelbare Kontext (Verse 136–140) zeigt, dass es um religiöse Ideologien und soziale Praktiken geht. Das „Töten der Kinder“ ist hier als Unterdrückung ihrer eigenständigen Urteilsfähigkeit und ihrer von Natur aus gegebener moralischer Einsicht zu verstehen, insbesondere dort, wo diese dem Unglauben der Eltern widerspricht. Der Quran bezeichnet dieses Verhalten ausdrücklich als schweres Unrecht.
In gleicher Weise ist die Aussage des Pharaos „Wir werden ihre Söhne töten“ (Sure al-Aʿraf 7:127) zu verstehen. Die fortdauernde Existenz der Kinder Israels macht deutlich, dass keine vollständige physische Vernichtung gemeint sein kann. Vielmehr beschreibt die Aussage den Versuch, die nächste Generation als Träger von Identität, Bewusstsein und Widerstand systematisch auszuschalten.
Wenn es in Sure al-Aʿraf 7:150 heißt, die Kinder Israels hätten Moses beinahe „getötet“, ist offenkundig keine physische Tötung gemeint. Vielmehr handelt es sich um den Versuch, seine prophetische Autorität zu delegitimieren und seine Sendung zu zerstören. Auch hier richtet sich qatl gegen Funktion und Rolle, nicht gegen das Leben selbst.
Die Aufforderung in Sure at-Tawba 9:123 steht ebenfalls im Kontext kollektiver Auseinandersetzung mit offen feindlichen Gruppen und ist als Regulierung eines Konfliktverhältnisses zu verstehen, nicht als pauschale Legitimation individueller Tötung.
In Sure al-Israʾ 17:31 („Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut“) wird qatl im Zusammenhang mit sozialer Angst und Zukunftsverantwortung verwendet. Gemeint ist die Zerstörung der Lebensperspektiven der kommenden Generation, etwa durch ideologische, ökonomische oder soziale Unterdrückung. Der Quran erklärt dieses Verhalten ausdrücklich zu einem schweren moralischen Fehltritt.
Auch die drastische Formulierung „und sie werden auf grausame Weise getötet werden“ (Sure al-Ahzab 33:61) beschreibt im Kontext die vollständige Ausschaltung eines zerstörerischen gesellschaftlichen Einflusses, nicht zwingend einen Akt massenhafter physischer Tötung.
Schließlich erscheint qatl in Sure al-Ḥaschr 59:12–14 eindeutig im Rahmen von Krieg und kollektiver Konfrontation. Doch auch hier liegt der Schwerpunkt weniger auf individuellen Tötungshandlungen als auf dem Zustand von Feindschaft, Einschüchterung und politisch-militärischer Auseinandersetzung.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Quran den Begriff qatl nicht monosemantisch verwendet, sondern ihn als semantisch offenen Begriff einsetzt, dessen Bedeutung sich aus dem jeweiligen Kontext erschließt. Qatl kann zwar physische Gewalt einschließen, ist jedoch nicht auf eine rein biologische Tötung reduzierbar, sondern bezeichnet häufig auch Prozesse der radikalen Überwältigung, Erniedrigung oder der systematischen Zerstörung von Botschaft, Autorität, Identität sowie sozialer, moralischer oder zukünftiger Existenzformen. Eine strikt literalistische oder rein biologische Lesart führt dabei zu inneren Widersprüchen, während eine kontextuelle, rational-logische Interpretation die Kohärenz des Textes wahrt und ein differenziertes Verständnis der entsprechenden Passagen ermöglicht.