Artikel: Die Bedeutung der Zakat im Quran und ihr Verständnis bei den Fuqahāʾ

Die traditionelle theologische Definition zum Zakat-Begriff vertritt die Auffassung, Zakat sei ein bestimmter Anteil des Vermögens, der bei Erreichen des sogenannten Niṣāb (Mindestbemessungsgrenze) und nach Ablauf eines Mondjahres (Ḥawl) zu entrichten sei.Nach der hier vertretenen Position entspricht dies jedoch nicht der quranischen Konzeption von Zakat, sondern spiegelt das Verständnis einer tradierten Rechtslehre wider, die seit ihrem Entstehen eine handels- und machtpolitisch ausgerichtete Jurisprudenz etablierte, welche primär herrschenden Eliten diente, statt eine gemeinwohlorientierte islamische Ethik zu entfalten.Diese Rechtslehre stützte sich auf Überlieferungen (Riwayāt), Traditionsberichte (Āṯār) und Gelehrtenmeinungen, die in der Rechtshermeneutik eine dominierende Stellung gegenüber dem Quran einnahmen. Dadurch kam es zur Ausbildung zahlreicher Rechtsschulen (Maḏāhib) und Rechtsgutachten (Fatāwā). 

Als Rechtsquellen galten fortan: der Quran, die Sunna, der Konsens (Iǧmāʿ), der Analogieschluss (Qiyās) und das eigenständige Rechtsdenken (Iǧtihād). Demgegenüber sei der Quran faktisch teils marginalisiert und als bloße formale Referenz für eine konstruierte Handelsjurisprudenz instrumentalisiert worden. Überlieferungen seien zu einer „zweiten Offenbarung" erhoben worden, obwohl viele von ihnen als inhaltliche Umdeutungen oder gar als faktische Suspension quranischer Normen bewertet werden.


Sprachliche und terminologische Definition

Ein methodisches Verfahren klassischer Juristen bestand darin, zwischen einer sprachlichen (luġa) und einer terminologischen (iṣṭilāḥī) Definition quranischer Begriffe zu unterscheiden – obwohl der Quran sich selbst als „in klarem Arabisch" offenbart beschreibt.Gerade über die terminologische Definition eröffnete sich – aus dieser Perspektive – ein Spielraum für Bedeutungsverschiebungen, indem Quranbegriffe mit juristisch technischen Inhalten gefüllt wurden, die von ihrer ursprünglichen semantischen Matrix abweichen.Hätte man klar zwischen den Normen des Quran und positiven, historisch gewachsenen Rechtsordnungen unterschieden und letztere als menschengemachte Gesetzgebung deklariert, wäre dies akzeptabel gewesen. Stattdessen seien diese Normensysteme sakralisiert und selbst zum Gegenstand religiöser Verbindlichkeit erhoben worden.


Zwang und Religionsfreiheit

Nach klassischer Auffassung könne Zakat freiwillig oder nötigenfalls zwangsweise erhoben werden; teils wurde sogar der bewaffnete Kampf gegen ihre Verweigerer legitimiert (etwa in hurub ar-Ridda bei Abu Bakr as-Seddiq r.a.).Dem wird der quranische Grundsatz „Es gibt keinen Zwang im Glauben" (lā ikrāha fī d dīn) entgegengehalten. Zwangseinzug religiöser Abgaben würde demnach eine Form religiöser Nötigung darstellen. Wie Gebet (Ṣalāh), Fasten (Ṣawm) oder Pilgerfahrt (Ḥaǧǧ) könne auch Zakat nicht durch Gewalt durchgesetzt werden.Der Gläubige entrichtet Zakat aus freiem Willen. Selbst bei Verweigerung oder Abfall vom Glauben dürfe eine Person nicht bekämpft oder getötet werden, außer auf Grundlage eines rechtlich legitimierten Anspruchs.


Terminologische Definition bei den Fuqahāʾ

Einige Juristen definierten Zakat terminologisch als:•     einen festgelegten Anteil bestimmter Vermögensarten zu einem bestimmten Zeitpunkt,•     oder als Abgabe eines Teils des Vermögens zur Mehrung des verbleibenden Teils.
Durch diese Definitionen wurde Zakat auf eine finanzielle Teilabgabe reduziert, ohne den Verwendungszweck oder die Einhaltung der göttlich bestimmten Distributionsethik hinreichend zu problematisieren.Selbst Steuern seien teilweise in religiöse Kategorien integriert worden, um Steuervermeidung zu verhindern.


Differenzierung zwischen „Gabe des Vermögens" und „Gabe der Zakat"

Der Quran unterscheidet explizit zwischen Ītāʾ al-māl (Hingabe des Vermögens) und Ītāʾ az-Zakat (Entrichtung der Zakat):„... und sie geben vom Vermögen – aus Liebe zu Ihm – den Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen, dem Reisenden, den Bittenden und zur Befreiung von Unfreien, verrichten das Gebet und entrichten die Zakat ..." (al-Baqara 2:177)

Die Vermögenshingabe an Bedürftige unterliegt keiner zeitlichen oder quantitativen Fixierung; sie orientiert sich an Glaubensintensität und individueller Leistungsfähigkeit. Die Reduktion der Zakat auf ein Viertel des Zehntels (2,5 %) wird an dieser Stelle als willkürliche Begrenzung kritisiert, da Gläubige grundsätzlich mehr geben dürfen. Ebenso gilt zu kritisieren, dass ihnen zudem teilweise untersagt worden sei, ihre Zakat selbständig zu verteilen.


Die sprachliche Bedeutung von Zakat

Etymologisch bedeutet Zakat Wachstum, Läuterung und Reinigung. Sie bezeichnet demnach primär die ethisch-spirituelle Entwicklung der Person und ihre Reinigung von moralischem Fehlverhalten – materieller wie immaterieller Art. Almosen können der seelischen Reinigung dienen, wie es im Vers heißt:„Nimm von ihrem Vermögen eine Spende, durch die du sie reinigst und läuterst ...". Das „Nehmen" wird hier als Annahme freiwilliger Gabe interpretiert, nicht als Zwang. Der Kontext bezieht sich auf Gläubige, die ihre Verfehlungen eingestanden, Reue zeigten und zur moralischen Wiedergutmachung spendeten. Zakat umfasst demnach auch die Abkehr von Polytheismus (Širk), die exklusive Hinwendung zu Gott und die Zurückweisung von Götzen (Ǧibt) und tyrannischer Autorität (Ṭāġūt).
Tazkiya gilt hier als religiöses Grundprinzip. Die Selbstläuterung (Tazkiyat an-nafs) gilt als zentrales Motiv der Offenbarung. Der Prophet Abraham bat um die Sendung eines Gesandten, der die Menschen „läutere"; im Quran wird dies als erhörtes Gebet dargestellt. Auch Strafbestimmungen (Ḥudūd), Sühneleistungen (Kaffārāt) und Wiedergutmachungsakte dienen der ethischen Reinigung. 

Der Vers „Erfolgreich ist, wer sie (die Seele) läutert" unterstreicht diesen teleologischen Aspekt moralischer Selbstvervollkommnung. Selbst Prüfungen, Verluste oder Leiden können als Formen spiritueller Läuterung interpretiert werden.


Verbindung von Zakat und Gebet

Zakat wird häufig zusammen mit dem Gebet genannt. Dies deutet darauf hin, dass sie keine rein vermögensbezogene Pflicht der Wohlhabenden ist, sondern eine allgemeine ethische Verpflichtung aller Gläubigen – analog zur regelmäßigen Gebetspraxis. Der Vers:„Wohl ergehen wird es den Gläubigen ... die in ihrem Gebet demütig sind ... und die Zakat verrichten" unterstreicht ihre universelle Dimension. Während spezifische Almosenvorschriften situationsbedingt entfallen können, bleibt die Pflicht zur ethisch-spirituellen Läuterung bestehen.


Zakat und Ṣadaqāt

Die Abgabe bestimmter Anteile von Geld, Vieh oder landwirtschaftlichen Erträgen wird als Ṣadaqa (Almosen) verstanden. Der Quran bestimmt:„Die Almosen sind für die Armen, die Bedürftigen, die mit ihrer Verwaltung Beauftragten, diejenigen, deren Herzen gewonnen werden sollen ..."
Ṣadaqāt sind demnach ein Teilbereich der umfassenderen Zakat-Konzeption, nicht deren vollständige Definition. Die Reduktion von Zakat auf eine bloße Vermögensabgabe wird als Verengung ihrer theologischen Bedeutung kritisiert.
Hier lässt sich nun anmerken, dass die Almosenpflichten nach dieser Auffassung nicht ausschließlich Muslime betreffen, denn Offenbarung und ethische Verpflichtung seien universal adressiert. Im Quran wird dazu die sogenannte Kategorie „muʾallafa qulūbuhum" (jene, deren Herzen gewonnen werden sollen) als eine eigene Empfängergruppe erklärt, die sich auf neu Hinzugekommene außerhalb der Schriftbesitzer-Gemeinschaft betreffende Sadaqa Empfänger Kategorie.


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Sadaqat (Spenden) als eine hauptsächlich und nicht ausschließlich finanzielle Gabe zu verstehen gilt. Während die hier dargestellte Position die Zakat primär als einen Prozess ethisch-spiritueller Selbstreinigung (Tazkiya) interpretiert, die finanziellen Dimensionen einschließt, aber nicht auf diese reduziert werden darf. Zakat versteht sich als permanente moralische Praxis, die mit sozialer Verantwortung, innerer Läuterung und Gottesbewusstsein untrennbar verbunden ist.



Folgend sind weitere Passagen für den Zakat-Begriff aus dem Quran, die diese Position bekräftigen:


- Der Zakat-Begriff, unabhängig jegliche finanziellen Zahlungen:

„...ein Gesandter, der euch läutert" (al-Baqara 2:151)(﴿رَسُولٌ يُزَكِّيكُمْ﴾) 

„Und erklärt euch nicht selbst für rein" (an-Najm 53:32)(﴿وَلَا تُزَكُّوا أَنفُسَكُمْ﴾) 

– Im Kontext der Geburt Jesu beschreibt ihn der Quran mit dem Zakat-Begriff als:

„...ein reiner Knabe" (Maryam 19:19)(﴿غُلَامًا زَكِيًّا﴾)

- In humanistischer Hinsicht beschreibt der Zakat-Begriff den Menschen wie folgt:

„Erfolgreich ist wahrlich, wer sie läutert"(asch-Schams 91:9)(﴿قَدۡ أَفۡلَحَ مَن زَكَّىٰهَا﴾, 

„Und verloren ist, wer sie verderben lässt"(asch-Schams 91:10)(﴿وَقَدۡ خَابَ مَن دَسَّىٰهَا﴾, 

- Der Zakat-Begriff im Allgemeinen als eine Tat:

„Und diejenigen, die für die Läuterung tätig sind"(al-Mu`minun 23:4)(﴿وَٱلَّذِينَ هُم لِلزَّكَاةِ فَاعِلُونَ﴾, 

- Im Kontext der Geburt Yahya (Johannes) beschreibt ihn der Quran mit dem Zakat-Begriff als Gnade Gottes:

„...und Zuneigung von Uns sowie Reinheit; und er war gottesfürchtig" (Maryam 19:13)(﴿وَحَنَانًا مِّن لَّدُنَّا وَزَكَاةً وَكَانَ تَقِيًّا﴾, 

- Im Hinblick auf die Erzählung mit dem blinden Mann wird die Läuterung als Ansatz zur nützlichen Ermahnung:

„Und es obliegt dir nicht, dass er sich nicht läutert"(‘Abasa 80:7)(﴿وَمَا عَلَيْكَ أَلَّا يَزَّكَّىٰ﴾, 

„Und was lässt dich wissen? Vielleicht läutert er sich" (‘Abasa 80:3)(﴿وَمَا يُدْرِيكَ لَعَلَّهُ يَزَّكَّىٰ﴾, 

„Oder er lässt sich ermahnen, sodass ihm die Ermahnung nützt" (‘Abasa 80:4)(﴿أَوْ يَذَّكَّرُ فَتَنفَعَهُ ٱلذِّكْرَىٰ﴾.

- Abschließend lassen sich folgende drei Anwendungen des Begriffs auf die charakteristische Läuterung im Hinblick auf die Existenz und Botschaft des Gesandten Mohammed (a.s.a.) anführen:

„Unser Herr, erwecke unter ihnen einen Gesandten aus ihrer Mitte, der ihnen Deine Zeichen vorträgt, sie die Schrift und die Weisheit lehrt und sie läutert. Gewiss, Du bist der Allmächtige, der Allweise." (al-Baqara 2:129)

„So wie Wir unter euch einen Gesandten aus eurer Mitte entsandt haben, der euch Unsere Zeichen vorträgt, euch läutert, euch die Schrift und die Weisheit lehrt und euch lehrt, was ihr nicht wusstet." (al-Baqara 2:151)

„Allah hat den Gläubigen wahrlich Gnade erwiesen, als Er unter ihnen einen Gesandten aus ihrer Mitte entsandte, der ihnen Seine Zeichen vorträgt, sie läutert und sie die Schrift und die Weisheit lehrt, obwohl sie zuvor in offenkundigem Irrtum waren." (Aal-Imran 3:164)


Zusammenfassend kann nun festgehalten werden, dass die Zakat im Allgemeinen die humanistisch-psychologische Läuterung der Seele (تزكية النفس) bedeutet. Dies meint ihre Reinigung von Fehlern und Sünden, ihre Befreiung von schlechten Charaktereigenschaften sowie ihre Ausstattung mit edlen Tugenden und einem starken Glauben. Diese Läuterung geschieht durch Gebet, Spenden und rechtschaffene Taten. Die Zakat des Vermögens – also das Geben von Almosen – ist ein Teil dieser Läuterung der Seele, wie folgende Versen erklären:

„Nimm von ihrem Vermögen eine Spende, durch die du sie reinigst und läuterst, und bete für sie; dein Gebet ist für sie gewiss ein Trost. Und Allah ist Allhörend, Allwissend." (at-Tauba 9:103)

„So fürchtet Allah, soweit ihr könnt, hört und gehorcht und spendet – es ist besser für euch selbst. Und wer vor der Habgier seiner eigenen Seele bewahrt wird, das sind diejenigen, die erfolgreich sind." (at-Taghabun 64:16)


Der Quran bringt unmissverständlich zum Ausdruck, dass die Zakat ein zentrales ethisches und soziales Prinzip ist, das den Menschen vor der Habgier und Selbstbezogenheit der eigenen Seele schützen und ihn zu wahrhaftem Erfolg führen soll. Sie wirkt als gezielte Läuterung der Seele und des Herzens, indem sie den Besitzenden dazu anhält, Verantwortung zu übernehmen und Wohlstand nicht als ausschließlichen privaten Vorteil, sondern als anvertraute Gabe zu begreifen. Auf diese Weise hilft die Zakat, innere Antriebe wie Geiz, übermäßige Anhäufung und Gleichgültigkeit gegenüber Anderen zu überwinden, und stärkt stattdessen Großzügigkeit, Dankbarkeit und soziale Solidarität. In diesem Sinn ist Zakat ein bewusster Akt der Hingabe und Disziplin, der eigene Ressourcen in ein Mittel für Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit verwandelt und damit den Weg zu dauerhaftem Erfolg im spirituellen wie auch im gesellschaftlichen Sinne ebnet.

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