
Die nachfolgende Auslegung stellt meine eigene Lesart der im Quran verwendeten Begriffe imra'a (امرأة), zawj (زوج), sahiba (صاحبة) und ba'l (بعل) dar. Sie beruht auf einer fortlaufenden, kontextbezogenen Analyse der Quranverse sowie auf der Beobachtung, dass diese Bezeichnungen nicht wahllos oder austauschbar verwendet werden. Vielmehr vertrete ich die Auffassung, dass der Quran jeden dieser Begriffe gezielt einsetzt, um unterschiedliche Formen und Qualitäten zwischenmenschlicher Beziehungen sprachlich kenntlich zu machen.
Aus meiner Sicht beschreiben diese Begriffe daher nicht lediglich den rechtlichen Status einer Ehe oder Partnerschaft, sondern spiegeln zugleich den jeweiligen Zustand der Beziehung wider. Die Wortwahl kann Hinweise darauf geben, ob zwischen zwei Menschen Einigkeit oder Trennung, Harmonie oder Spannungen, gegenseitige Ergänzung oder ein Mangel auf religiöser, emotionaler oder biologischer Ebene besteht. Die verwendeten Bezeichnungen erhalten dadurch eine semantische Tiefe, die über ihre reine Grundbedeutung hinausgeht. Die verschiedenen Begriffe erscheinen somit nicht als stilistische Varianten ohne inhaltliche Funktion, sondern als bedeutungstragende Elemente des Qurantextes. Die folgenden Ausführungen entwickeln diese Lesart anhand ausgewählter Quranverse und zeigen auf, dass die jeweilige Wortwahl einem wiederkehrenden sprachlichen Muster folgt.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel bietet die Erzählung des Propheten Zakariyya. Im Verlauf seiner Geschichte wird seine Ehefrau sowohl als „seine Frau“ (imra'a) als auch als „seine Partnerin“ (zawj) bezeichnet. Diese unterschiedliche Wortwahl wirft mehrere Fragen auf: Weshalb verwendet der Quran nicht durchgängig dieselbe Bezeichnung? In welchen Zusammenhängen erscheint imra'a, und wann wird stattdessen zawj verwendet? Welches Ereignis oder welche Veränderung innerhalb der Erzählung führt zu diesem Wechsel der Begriffe? Die Beantwortung dieser Fragen eröffnet eine differenzierte Betrachtung der semantischen Funktion beider Bezeichnungen im Quran.
In seiner Erzählung beschreibt Zakariyya seine Frau in den Suren aal-Imran 3:40 und Maryam 19:8 mit den Worten: „Meine Frau (imra'ati) ist unfruchtbar“. Die biologische Unfähigkeit, gemeinsam Nachkommen zu bekommen, stellt nach meinem Verständnis eine Form ehelicher Unvollständigkeit dar. Nachdem Allah diese Unfruchtbarkeit aufhebt und Zakariyya mit Yahya beschenkt, verwendet der Quran in Sure al-Anbiya 21:90 einen anderen Begriff: „Und Wir verbesserten ihm seine Ehefpartnerin (zawjahu)“. Dieser Wechsel erscheint nicht zufällig. Vielmehr folgt er einem sprachlichen Muster, das sich auch an weiteren Stellen des Quran beobachten lässt. Die Veränderung der Bezeichnung von "Frau" imra'a zu "Partnerin" zawj deutet darauf hin, dass sich nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch die Qualität der ehelichen Beziehung verändert hat. Der Übergang markiert hier die Wiederherstellung einer vollständigen ehelichen Partnerschaft. Der Begriff zawj bezeichnet somit nicht lediglich eine Ehefrau im rechtlichen Sinne, sondern eine Beziehung, in der beide Partner ihre gemeinsame Bestimmung als Paar erfüllen und eine harmonische Einheit bilden.

Demzufolge verwendet der Quran den Begriff imra'a insbesondere dort, wo innerhalb einer Ehe eine Form der Unvollständigkeit Distanz oder Trennung vorliegt, unabhängig davon, ob diese religiöser, emotionaler oder biologischer Natur ist. So spricht der Quran von der „Frau Noahs“ (imra'at Nuh) und der „Frau Lots“ (imra'at Lut) (Sure at-Tahrim 66:10). Obwohl beide mit Propheten verheiratet waren, fehlte die gemeinsame Glaubensgrundlage. Die eheliche Verbindung bestand zwar rechtlich, blieb jedoch auf einer wesentlichen Ebene unvollständig. Dasselbe Muster zeigt sich bei der „Frau des Pharaos“ (imra'at Fir'aun) (Sure at-Tahrim 66:11). Hier verhält es sich umgekehrt: Während die Frau gläubig ist, lehnt ihr Ehemann den Glauben ab. In beiden Fällen verweist die Bezeichnung imra'a auf eine fehlende innere Einheit und mangelnder religiöser Harmonie zwischen den Ehepaaren.
Aus weiterer Beobachtung lässt sich feststellen, dass sich außerdem zwei unterschiedliche Schreibweisen des Wortes imra'a im Quran unterscheiden lassen. Zum einen kommt Frau in dieser Schreibweise " امرأة " vor, zum anderen als " امرأت ".
Die Form امرأة mit gebundenem Ta marbuta erscheint nach dieser Beobachtung häufig dort, wo allgemein von einer Frau gesprochen wird, ohne den Ehemann ausdrücklich zu thematisieren, etwa in den Aussagen: „Eine gläubige Frau ..." (Sure al-Ahzab 33:50), „Und wenn eine Frau befürchtet ..." (Sure an-Nisa 4:128) oder „Ich fand eine Frau, die über sie herrscht ..." (Sure an-Naml 27:23).
Die Form امرأت mit offenem Ta mabsuta erscheint dagegen häufig in Kontexten, in denen die Frau ausdrücklich in Beziehung zu ihrem Ehemann genannt wird, etwa in „Als die Frau Imrans sagte ..." (Sure Al Imran 3:35), „Die Frau des Aziz versuchte ihren Jüngling zu verführen" (Sure Yusuf 12:30), „Die Frau des Aziz sagte ..." (Sure Yusuf 12:51), „Die Frau des Pharao ..." (Sure al-Qasas 28:9 und Sure at-Tahrim 66:11), „Die Frau Noahs ..." (Sure at-Tahrim 66:10) und „Die Frau Lots ..." (Sure at-Tahrim 66:10).
Demgegenüber bedeutet das arabische Wort zawj zunächst „Paar", „Gegenstück" oder „Partner". Im Quran bezeichnet es sowohl den Mann als auch die Frau. Beide können gleichermaßen als zawj bezeichnet werden. Nach der hier referierten Interpretation wird dieser Begriff insbesondere dann verwendet, wenn zwischen den Ehepartnern Harmonie, gegenseitige Ergänzung sowie eine Einheit auf körperlicher, emotionaler und religiöser Ebene angenommen wird. Ein Beispiel hierfür ist die Schöpfung Adams: „Wir sagten: O Adam! Bewohne du und dein Ehepartner (zawjuka) das Paradies" (Sure al-Baqara 2:35). Ebenso spricht Allah den Propheten Muhammad an: „O Prophet! Sprich zu deinen Ehefrauen (azwajika) ..." (Sure al-Ahzab 33:28). Auch der bekannte Vers über die Ehe verwendet den Begriff azwaj: „Und zu Seinen Zeichen gehört, dass Er euch aus euch selbst Ehepartner erschuf, damit ihr bei ihnen Ruhe findet; und Er setzte zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit" (Sure ar-Rum 30:21). In dieser Deutung steht zawj somit für eine Ehe, die von sakina (innerer Ruhe), Liebe (mawadda) und Barmherzigkeit (rahma) geprägt ist.
Darüber hinaus besitzt zawj im Quran auch eine allgemeinere Bedeutung als „Gegenstück", „Paar" oder „Gleichartiges". So heißt es: „Versammelt diejenigen, die Unrecht taten, und ihre Gefährten (azwajahum) ..." (Sure as-Saffat 37:22), wobei azwaj von vielen Exegeten als „ihresgleichen" oder „Artgenossen" verstanden wird. Ebenso spricht der Quran von „... und einer anderen Strafe gleicher Art" (Sure Sad 38:58), wobei zawj etwas bezeichnet, das einem anderen gleicht oder ihm entspricht.
Der Begriff sahiba besitzt im Quran eine eigene Bedeutungsebene. Er bezeichnet eine Begleiterin oder Gefährtin und hebt nicht notwendig eine eheliche Harmonie hervor. Am Tag des Gerichts heißt es: „An jenem Tag flieht der Mensch vor seinem Bruder ... seiner Gefährtin (sahibatihi) und seinen Kindern" (Sure Abasa 80:34–36). Ebenso sagt der Quran über Allah: „Er hat weder eine Gefährtin (sahiba) noch ein Kind" (Sure al-An'am 6:101). Hier wird ausdrücklich jede Form einer Partnerin oder ehelichen Verbindung verneint.
Nach dieser interpretativen Lesart ergibt sich somit eine Unterscheidung: imra'a (امرأة) bezeichnet eine verheiratete Frau, wenn der Schwerpunkt auf ihrer Person liegt oder wenn eine Form von Unvollständigkeit bzw. Disharmonie in der Ehe angenommen wird. Zawj (زوج) hingegen bezeichnet eine-n Ehepartner-in bzw. eine harmonische und vollständige Paarbeziehung. Während Sahiba (صاحبة) eine Gefährtin oder Begleiterin beschreibt und nicht notwendigerweise eine Ehefrau.
Eine vergleichbare semantische Unterscheidung findet sich auch bei den Bezeichnungen für den Mann innerhalb einer ehelichen Beziehung. Nach der hier vertretenen Lesart differenziert der Quran bewusst zwischen den Begriffen zawj und ba'l (بعل). Diese Begriffe beschreiben nicht lediglich den Ehemann im allgemeinen Sinne, sondern charakterisieren zugleich seine Stellung und Funktion innerhalb der Ehe. Die jeweilige Wortwahl gibt somit Aufschluss über den Zustand der Beziehung und die Rolle des Mannes gegenüber seiner Partnerin. Das Wort ba'l bedeutet im klassischen Arabisch ursprünglich „Herr", „Besitzer", „Leiter" oder „Verantwortlicher". Diese Grundbedeutung erscheint im Quran in der Aussage des Propheten Ilyas: „Ruft ihr Ba'l an und lasst den besten der Schöpfer außer Acht?" (Sure as-Saffat 37:125). Hier bezeichnet Ba'l den Namen einer verehrten Gottheit.
Darüber hinaus lässt sich hier die Auffassung vertreten, dass ba'l vor allem die rechtliche und gesellschaftliche Stellung des Mannes gegenüber seiner Frau beschreibt. Dies basiert auf die göttliche Anweisung an eine geschiedene Frau, die jedoch feststellt, dass sie doch schwanger ist: „Ihre ba'ls haben während dieser Zeit mehr Anspruch darauf, sie zurückzunehmen ..." (Sure al-Baqara 2:228). Da die Frauen bereits geschieden sind, bezeichnet der Quran den Mann dennoch als ba'l, da während der Wartefrist (idda) weiterhin eine rechtliche Beziehung besteht, jedoch die sexuelle Beziehung keinen Platz mehr hat. Ein weiterer Vers lautet: „Und wenn eine Frau befürchtet, dass ihr ba'l sich ihr gegenüber hochmütig verhält oder sich von ihr abwendet ..." (Sure an-Nisa 4:128). Hier versteht sich die Hochmut (nushuz) und Abwendung (i'rad) als soziale oder emotionale Spannungen und nicht als sexuelle Problematik, da die Frau laut dem Kontext bereits in der Scheidungsphase steht.
Ein weiteres aufschlussreiches Beispiel findet sich in der Erzählung von Ibrahim. Als die Engel Sara die Geburt eines Sohnes ankündigen, antwortet sie: „Wehe mir! Soll ich ein Kind gebären, wo ich doch eine alte Frau bin und dieser mein Mann (ba'li) ein Greis ist? Das ist wahrlich eine erstaunliche Sache.“ (Sure Hud 11:72). Auffällig ist, dass Sara ihren Ehemann hier als ba'l bezeichnet und nicht als Zawj! Die Bezeichnung ba'l gilt daher als Hinweis darauf, dass zwischen Sara und Ibrahim aufgrund ihres hohen Alters keine eheliche bzw. sexuelle Beziehung mehr besteht. Der Begriff hebt somit den fortbestehenden Status des Ehemannes hervor, nicht jedoch die Vollständigkeit einer partnerschaftlichen Beziehung.
Demgegenüber wäre zawj nach dieser Auffassung die vollständige eheliche Gemeinschaft einschließlich der sexuellen Beziehung. Dies wird beispielsweise ersichtlich in den Suren al-Mu'minun 23:5–6 und al-Ma'arij 70:29–30: „Diejenigen, die ihre Scham hüten, außer gegenüber ihren Ehepartnern (azwajihim) ..." .

Abschließend lässt sich festhalten, dass die unterschiedlichen Begriffe imraʾa, zawj, sahiba und baʿl im Quran nach dieser interpretativen Lesart keine zufälligen sprachlichen Varianten darstellen, sondern jeweils unterschiedliche Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen hervorheben. Während imraʾa den Schwerpunkt auf die Frau als Person oder auf eine bestehende Unvollständigkeit innerhalb der Ehe legt, beschreibt zawj die gegenseitige Ergänzung und Harmonie zweier Partner. Sahiba bezeichnet eine Gefährtin oder Begleiterin, ohne notwendigerweise eine eheliche Verbindung auszudrücken, und baʿl verweist auf die Stellung des Mannes als (Ex-)Ehemann bzw. auf seine rechtliche oder gesellschaftliche Rolle.
Unabhängig davon, ob man dieser Deutung im Einzelnen folgt, verdeutlicht sie die sprachliche Feinheit des Quran und lädt dazu ein, seine Wortwahl aufmerksam zu studieren und über ihre möglichen Bedeutungsnuancen nachzudenken. Die kontextbezogene Zuordnung der einzelnen Begriffe eröffnet eine differenziertere Lesart der quranischen Erzählungen. Sie macht deutlich, dass die Wortwahl des Quran nicht lediglich stilistischen Zwecken dient, sondern dazu beiträgt, Beziehungen in ihrem jeweiligen Zustand präzise zu charakterisieren. Dadurch lassen sich die Rollen der beteiligten Personen sowie die Dynamik ihrer Beziehungen genauer erfassen.
Gesellschaftlich führt diese Lesart zu einem vertieften Verständnis des quranischen Ehe- und Familienbildes. Die Beziehung zwischen Mann und Frau erscheint nicht ausschließlich als rechtlicher Status, sondern als ein Verhältnis, dessen Qualität durch gemeinsame Verantwortung, Glaubensgemeinschaft, gegenseitige Ergänzung und persönliche Entwicklung bestimmt wird. Der Quran beschreibt demnach nicht nur, dass zwei Menschen verheiratet sind, sondern auch, wie ihre Beziehung beschaffen ist.
Historisch eröffnet diese Perspektive zudem einen neuen Zugang zur Auslegung der quranischen Erzählungen. Die unterschiedlichen Begriffe ermöglichen es, die Lebenssituationen der Propheten und ihrer Familien differenzierter nachzuvollziehen und Entwicklungen innerhalb ihrer Beziehungen sichtbar zu machen. Dadurch werden Erzählungen nicht mehr ausschließlich als historische Berichte verstanden, sondern zugleich als sprachlich fein strukturierte Darstellungen menschlicher Beziehungen, deren Wortwahl gezielt Bedeutung transportiert.