01 May
01May

Als Autorin des Buches verfolge ich das Ziel, eine im schulischen Diskurs häufig marginalisierte Perspektive sichtbar zu machen: die Erfahrungen, Wahrnehmungen und Deutungen muslimischer Schülerinnen im österreichischen Bildungssystem. Dabei wird ein Forschungsfeld bearbeitet, das in öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten zwar zunehmend Beachtung findet, jedoch weiterhin von Verkürzungen, Stereotypisierungen und einseitigen Zuschreibungen geprägt ist. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Stimmen junger Frauen, deren schulische Realität im Spannungsfeld von Zugehörigkeit, Anpassungsanforderungen, Selbstpositionierung und Abgrenzung verortet wird und die in unterschiedlichen Formen erlebt, interpretiert und bewältigt wird.


Auf Grundlage qualitativer Interviews wird rekonstruiert, wie schulische Lebenswelten konkret ausgestaltet sind. Dabei wird untersucht, wie Klassengemeinschaften entstehen, stabil bleiben oder auch nicht zustande kommen, sowie welche sozialen Dynamiken innerhalb des schulischen Alltags wirksam werden. Ebenso wird analysiert, wie Beziehungen zu Mitschülerinnen und Mitschülern sowie zu Lehrpersonen gestaltet werden und welche Rolle dabei kommunikative Prozesse, institutionelle Rahmenbedingungen sowie individuelle biografische Hintergründe spielen. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei auf sensible Themenfelder gelegt, insbesondere auf Diskriminierungserfahrungen, Vorurteile im schulischen Umfeld, Prozesse der Identitätsbildung sowie auf die Kopftuchthematik, die zugleich religiöse Bedeutung, soziale Zuschreibung und gesellschaftliche Aushandlung miteinander verbindet.


Im Zuge der Analyse wird deutlich herausgearbeitet, dass muslimische Schülerinnen nicht als homogene Gruppe verstanden werden können. Vielmehr wird eine ausgeprägte Pluralität sichtbar, die sich sowohl in religiösen Deutungen als auch in individuellen Handlungsstrategien und persönlichen Haltungen manifestiert. Während Religion für einige Schülerinnen eine zentrale Orientierungsfunktion im schulischen Alltag einnimmt und als identitätsstiftender Bezugspunkt dient, wird sie von anderen als weniger relevant oder kaum handlungsleitend beschrieben. Ebenso vielfältig zeigen sich die Umgangsweisen mit schulischen Anforderungen, sozialen Erwartungen und gesellschaftlichen Zuschreibungen.


Entscheidungen im schulischen Kontext – etwa hinsichtlich Bildungswegen, der Gestaltung religiöser Praxis oder der Einbindung in soziale Gruppen – werden nicht als isolierte individuelle Akte verstanden, sondern als Ergebnisse komplexer Aushandlungsprozesse. Diese entstehen im Zusammenspiel von persönlichen Überzeugungen, familiären Einflüssen, institutionellen Strukturen sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dadurch wird Schule als ein Raum sichtbar, in dem sich individuelle Lebensentwürfe und strukturelle Vorgaben kontinuierlich gegenseitig beeinflussen und formen.


Durch die Verbindung theoretischer Ansätze mit empirischem Material wird ein Beitrag zur Bildungs-, Integrations- und islambezogenen Sozialforschung geleistet. Schule wird dabei nicht lediglich als Bildungsinstitution verstanden, sondern als sozialer Aushandlungsraum, in dem Fragen von Anerkennung, Differenz, Zugehörigkeit und Teilhabe permanent neu verhandelt werden. Die Analyse zeigt, dass schulische Interaktionen wesentlich zur Konstruktion sozialer Wirklichkeit beitragen und dass Zugehörigkeit nicht vorausgesetzt, sondern situativ hergestellt werden muss.
Darüber hinaus werden durch die Ergebnisse differenzierte Einblicke in Lebensrealitäten eröffnet, die in öffentlichen und medialen Diskursen häufig nur verkürzt oder einseitig dargestellt werden. Für pädagogische Fachkräfte, schulische Institutionen und bildungspolitische Entscheidungsträger ergeben sich daraus relevante Perspektiven, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit Vielfalt, die Förderung von Teilhabe sowie die Reflexion institutioneller Strukturen.


Insgesamt wird deutlich gemacht, dass die Perspektiven muslimischer Schülerinnen im schulischen Kontext eine zentrale analytische Bedeutung besitzen. Schule erscheint dabei nicht nur als Ort des Lernens und der Wissensvermittlung, sondern als sozialer Raum, in dem Identitäten, Zugehörigkeiten und Differenzen kontinuierlich hergestellt, verhandelt und verändert werden.


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