Artikel: Die „Nafs“ eines Menschen

Die „Nafs“ (Seele)Im Quran wird „Nafs“ (نفس) je nach Kontext und Stelle unterschiedlich verwendet. Das Wort bedeutet nicht immer exakt dasselbe, sondern kann folgendes bedeuten: die Seele, das Selbst / Ich, die Person oder das innere Verlangen oder Ego. Der Quran spricht oft davon, dass der Mensch eine innere Seite hat, die sowohl zum Guten als auch zum Schlechten neigt. Dazu wird an mehreren Quran-Stellen unterschieden zwischen:

  • Nafs als die „befehlende Seele“: „Die Seele gebietet gewiss zum Bösen …“ (12:53) 

     Hier ist die Bedeutung: Der Mensch hat innere Triebe und Wünsche, die ihn zu falschem Verhalten      drängen können.

  • Nafs als die „selbstanklagende Seele“: „Und ich schwöre bei der sich selbst tadelnden Seele.“ (75:2) 

     Das beschreibt das Gewissen, also die Fähigkeit, eigenes Fehlverhalten zu erkennen und sich                selbst zu hinterfragen.

  • Nafs als die „ruhige Seele“: „O du ruhige Seele, kehre zu deinem Herrn zurück, zufrieden und wohlgefällig.“ (89:27–28)

     Hier gilt es als Bild für einen Menschen, der inneren Frieden gefunden hat und Gott vertraut.


Der Quran verwendet Nafs also nicht nur für „Seele“, sondern das gesamte innere Wesen des Menschen, mit seinen Wünschen, Gedanken, moralischen Kämpfen und seinem Ego wird darunter verstanden. Diese Erklärung wird unter anderem in Sure Asch-Schams 91:7,8 thematisiert:

„Und bei der Seele und bei dem, der sie geformt hat, der ihr ihre Lasterhaftigkeit und ihre Gottesfurcht eingegeben hat …“

Der Ausdruck „sawwāhā“ („zurechtgeformt“) weist darauf hin, dass der menschlichen Nafs beide Tendenzen – moralisch negatives wie positives Verhalten – gleichermaßen innewohnen. Der Mensch hat folglich die Möglichkeit, zwischen Fehlverhalten (Fudschur) und Frömmigkeit (Taqwa), zwischen Gutem und Bösem zu wählen.

Hier ist anzumerken, dass dieses „Zurechtformen“ nicht im materiellen Sinn zu verstehen ist. Vergleichbar verhält es sich mit dem in Sure al-Aʿraf (7:172) erwähnten Geschehen, als Gott die Nachkommenschaft der Kinder Adams aus ihren „Rücken“ nahm und sie als Zeugen einsetzte. Auch dort handelt es sich um ein immaterielles Geschehen.Im exegetischen Diskurs wird dies als Hinweis darauf verstanden, dass der Mensch eine Art innere Prädisposition oder Disposition zur Gotteserkenntnis besitzt. Diese innere Ausrichtung ermöglicht es ihm, durch Reflexion über Natur und Schöpfungsordnungen zum Bewusstsein eines Schöpfers zu gelangen. Dieses Verständnis gilt als ein Prozess, den jeder Mensch spätestens mit dem Erreichen der Reife durchläuft.


An einer weiteren Koranstellen in Sure Yusuf (12:53) wird Nafs als „zum Bösen anstiftend“ (ammāratun bis-sūʾ) beschrieben. Josef (arab. Yusuf) sagt dort: „Gewiss, die Seele treibt zum Bösen an, und ich spreche mich selbst nicht frei.“ Hier wird die innere Willensrichtung der Nafs als entscheidend für menschliches Verhalten dargestellt.
Ein weiterer in diesem Kontext relevanter Vers lautet: „Vielmehr ist der Mensch selbst Zeuge über seine eigene Nafs“ (al-Qiyama 75:14).

Die Verwendung von "seine eigene" weist dabei auf eine enge Verbindung zwischen der Nafs und der Verantwortlichkeit des Menschen für sein eigenes Handeln hin. Die Nafs erscheint hier als Instanz, die das individuelle Wollen und Tun bewusst macht und bezeugt. Die Verantwortung der Nafs zeigt sich somit im gesamten menschlichen Leben. Der Mensch steht fortwährend zwischen seinen inneren Neigungen und der bewussten Entscheidung für Rechtleitung und Gottesbewusstsein. 

Dabei erinnert der Quran daran, dass das Leben des Menschen weder zufällig noch grenzenlos ist, sondern einer göttlichen Ordnung unterliegt. Die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit führt den Menschen dazu, sein Handeln zu hinterfragen und Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Dazu heißt es: „Und keine Nafs kann sterben außer mit Gottes Erlaubnis zu einer festgesetzten Frist“ (Sure Aal-ʿImran 3:145); „Keine Nafs weiß, was sie morgen erwerben wird, und keine Nafs weiß, in welchem Land sie sterben wird. Gewiss, Allah ist Allwissend und Allkundig.“ (Luqman 31:34); „Jede Nafs haftet für das, was sie erworben hat“ (al-Muddathir 74:38).

Diese Ausführungen weisen darauf hin, dass nur unsere Nafs vor Gott zur Rechenschaft gezogen wird. Aus dieser Verantwortung des Menschen gegenüber Gott erwächst auch die Pflicht, sein Handeln nicht nur innerlich zu läutern, sondern dies ebenso im gesellschaftlichen Leben sichtbar werden zu lassen, etwa durch die Zakat als Ausdruck von Verantwortung, Reinigung und Solidarität.

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