
Kaum ein Thema der islamischen Frühgeschichte wird heute so kontrovers diskutiert wie das Alter Aischas bint Abi Bakr bei ihrer Ehe mit dem Propheten Mohammed. Grundlage der Debatte sind vor allem bekannte Hadith-Überlieferungen aus den Sammlungen von al-Buchārī und Muslim. Dort wird etwa überliefert, dass Aischa selbst berichtet haben solle:
„Der Prophet s.a.s. heiratete mich, als ich sechs Jahre alt war, und das eheliche Zusammenleben begann, als ich neun Jahre alt war.“
Im arabischen Original lautet es:
تَزَوَّجَنِي النَّبِيُّ ﷺ وَأَنَا بِنْتُ سِتِّ سِنِينَ، وَبَنَى بِي وَأَنَا بِنْتُ تِسْعِ سِنِينَ
Diese Überlieferungen werden innerhalb der traditionellen sunnitischen Hadith-Wissenschaft seit Jahrhunderten als authentisch, nicht kritisierbar betrachtet.
Kritiker des Islam greifen häufig auf solche Überlieferungen zurück, um ein sehr junges Alter zu behaupten. Gleichzeitig gibt es jedoch zahlreiche historische Hinweise und chronologische Daten, die auf ein deutlich höheres Alter hindeuten. Betrachtet man die historischen Quellen genauer und vergleicht sie miteinander, erscheint die moderne historische Rekonstruktion wesentlich plausibler.
Ein zentraler Punkt dieser Neubetrachtung ist das Alter von Asma bint Abi Bakr, der älteren Schwester Aischas. Historischen Berichten zufolge starb Asma im Jahr 73 nach der Hidschra im Alter von einhundert Jahren. Daraus lässt sich rechnerisch ableiten, dass sie zur Zeit der Hidschra etwa siebenundzwanzig Jahre alt gewesen sein muss. Mehrere historische Quellen erwähnen außerdem, dass Asma ungefähr zehn Jahre älter gewesen sei als ihre Schwester Aischa.
Zieht man diesen Altersunterschied ab, ergibt sich für Aischa ein Alter von ungefähr siebzehn Jahren zum Zeitpunkt der Hidschra. Da das eheliche Zusammenleben mit dem Propheten Mohammed nach historischen Angaben etwa zwei Jahre später begann, gelangen viele moderne Historiker zu der Schlussfolgerung, dass Aischa bei der Vollziehung der Ehe ungefähr neunzehn Jahre alt gewesen sein könnte.
Diese Berechnung wirkt nicht nur chronologisch nachvollziehbar, sondern fügt sich auch besser in den historischen Gesamtzusammenhang ein. Sie berücksichtigt verschiedene biografische Angaben gleichzeitig, anstatt sich ausschließlich auf einzelne Überlieferungen zu stützen. Gerade deshalb erscheint diese Sichtweise für viele Menschen heute überzeugender als die traditionelle Darstellung. Zudem wird in der öffentlichen Debatte häufig vergessen, dass frühe Eheschließungen in der damaligen Welt keineswegs ungewöhnlich waren. Im 7. Jahrhundert unterschieden sich gesellschaftliche Normen grundlegend von heutigen Vorstellungen.
In vielen Regionen der Spätantike heirateten Frauen bereits im Jugendalter, was sozial akzeptiert und kulturell normal war. Historische Ereignisse ausschließlich anhand moderner Maßstäbe zu beurteilen, führt daher häufig zu Bewertungen, die den historischen Kontext nicht ausreichend berücksichtigen. Die Diskussion um das Alter Aischas zeigt letztlich, wie komplex historische Quellen sein können. Frühislamische Geschichte basiert auf Überlieferungen, die teilweise Jahrzehnte später schriftlich festgehalten wurden und unterschiedlich interpretiert werden können. Während traditionelle Gelehrte den Schwerpunkt auf die Authentizität einzelner Hadithe legen, versuchen moderne Historiker stärker, historische Daten miteinander abzugleichen und chronologisch zu rekonstruieren.
Aus heutiger Perspektive erscheint die moderne historische Einordnung deshalb insgesamt schlüssiger. Sie bietet eine differenzierte Betrachtung der Quellenlage und zeigt, dass die islamische Geschichte nicht auf vereinfachte Darstellungen reduziert werden sollte. Wer sich ernsthaft mit der historischen Realität beschäftigen möchte, sollte deshalb alle verfügbaren Informationen berücksichtigen und nicht nur einzelne Überlieferungen isoliert betrachten.